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Méileen lernt schwimmen

 

Es war ein schöner Sommertag und Méileen rannte durch die Wälder. Um sie herum war alles grün und es roch nach Bäumen und Blumen. Sie wusste genau, wo sie hin wollte, dennoch rannte sie wild im Wald hin und her und hielt Ausschau nach Tieren, die sich hier überall versteckt hielten. Doch leider war sie immer zu langsam. Egal wo sie hin kam, sie sah immer nur die Blätter, die sich noch bewegten, weil ein Tier gerade in seinem Bau verschwunden war. Wenn sie jemals ein Tier sehen wollte, musste sie noch schneller werden. Und sie wollte alle Tiere sehen, wollte die ganze Welt sehen.

„Méileen! Méileen, wo bist du? Komm zurück, oder wir gehen sofort ins Schloss zurück!“

Méileen erkannte die besorgte Stimme ihrer Amme und hielt inne. Wieder einmal war sie einfach darauf los gelaufen und hatte nicht daran gedacht, dass ihre Amme nicht mit ihr Schritt halten konnte. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass sie nicht zu viel Ärger bekommen würde. Mit gesenktem Kopf lief sie in die Richtung, aus der die Stimme ihrer Amme gekommen war. Ihr Herz war schwer, sie hatte wirklich ein schlechtes Gewissen. Und sie hatte Angst, dass sie nun doch nicht mehr zum See gehen würden. Und dabei hatte sie sich die ganze Woche darauf gefreut. Vor allem, da ihre Amme ihr gesagt hatte, dass sie eine Überraschung für sie hat.

Als Méileen bei ihrer Amme ankam, atmete die erleichtert aus und Méileen fiel ihr in die Arme. Tränen standen ihr in den Augen, doch sie wusste, dass ihre Amme es nicht mochte, wenn sei weinte. Sie war die Prinzessin und Prinzessinnen waren stark. Auch wenn sie erst fünf Jahre alt waren.

„Es tut mir wirklich leid.“ Sagte Méileen mit belegter Stimme. „Ich wollte nicht ohne dich los rennen, ich wollte nur die Tiere sehen. Und wenn ich zu langsam bin, sind die Tiere schneller als ich und ich kann sie nicht sehen.“

Méileens Amme drückte sie einmal fest an sich, dann schob sie sie von sich. „Méileen. Du musst lernen, nicht einfach darauf los zu laufen. Die Menschen, die dich lieben, machen sich sonst nur Sorgen um dich. Und ich mache mir die größten Sorgen. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn dir etwas geschehen würde, nur weil ich es versäumt habe, dir beizubringen, nicht davon zu laufen. Und was die Tiere angeht: Du gehst die Sache falsch an. Die Tiere verstecken sich vor dir, weil du durch den Wald rennst und lärm machst. Du kannst so schnell sein, wie du willst, wenn du so laut bist, hören sie dich, lange bevor du bei ihnen ankommst und verstecken sich. Wenn du wirklich Tiere beobachten möchtest, musst du dich leise wie eine Maus verhalten und geduldig warten, bis die Tiere zu dir kommen. Hast du das verstanden?“

Méileen dachte kurz darüber nach. Für sie ergab das nicht wirklich Sinn, denn wenn sie nicht schnell genug war, würden die Tiere immer vor ihr weg laufen. Andererseits hatte ihre Amme immer Recht. Also wollte Méileen ihr glauben. „Gut, dann versuche ich es auf deine Weise. Aber wenn es mir nicht gelingt, werde ich wieder versuchen, schneller als sie zu sein.“

Méileens Amme lachte laut auf. „Na, das ist wenigstens ein Anfang. Aber wenn es dir weiter hilft, werde ich Gustav fragen, ob er dich mit in den Wald nimmt und mit dir nach Tieren Ausschau hält.“

Ein kribbelndes Gefühl durchflutete Méileen. Sie würde mit Gustav in den Wald gehen und Tiere Suchen. Ihre Amme wusste ja eigentlich alles, doch Gustav kannte sich einfach besser mit Tieren aus. Er war es auch, der ihr  den verletzen Vogel gebracht hatte und ihr erklärt hatte, wie man ihn pflegt. Und der Vogel war wirklich wieder gesund und besuchte Méileen noch heute in ihrem Zimmer. Sie hoffte ja darauf, dass er sein Nest unter ihrem Balkon bauen würde. Dann könnte sie ihn und seine Küken im nächsten Frühling beobachten. „Oh ja! Das wäre toll. Am besten gleich, wenn wir vom Schwimmen zurück kommen!“

Méileens Amme lachte noch einmal, dann wurde sie ernst. „Wirst du es denn schaffen, jetzt bei mir zu bleiben?“

Méileen nickte eifrig. „Ja, ganz gewiss!“

„Gut, dann lass uns jetzt zum See gehen. Doch das mit den Tieren wird heute nichts mehr, Ihr werdet an einem anderen Tag noch vor Sonnenaufgang aufstehen müssen, um die Tiere zu beobachten. Doch das können wir ja alles noch mit Gustav besprechen. Und jetzt komm.“

Méieen nahm ihre Amme an die Hand, damit sie nicht ausversehen wieder los rannte.

Sie liefen noch eine Weile, dann hörte Méileen das vertraute plätschern des Sees. Méileen liebte das Wasser, nur ihre Amme mochte diese Ausflüge nicht. Sie hatte fürchterliche Angst, wenn Méileen im Wasser spielte, denn ihre Amme konnte nicht schwimmen. Méileen auch nicht.

Am See wartete eine Frau, die Méileen nicht kannte. Sie hatte ein komisches Kleid an und Méileen musste sich zusammenreißen, nicht laut los zu lachen. Sie sah wirklich lustig in diesem Kleid an.

„Guten Morgen Prinzessin Méileen. Mein Name ist Para, ich bin eine Freundin eurer Amme.“

Méileen knickste höflich vor der Frau, wie man es ihr beigebracht hatte, dann schaute sie wieder auf. „Guten Moren Para. Und warum bist du hier?“

Para lächelte Méileen freundlich an. „Deine Amme hat mir erzählt, dass du unbedingt schwimmen lernen willst. Ich kann schwimmen und möchte gerne versuchen, es dir beizubringen.“

Méileens Herz begann vor Aufregung zu klopfen. Para wollte ihr das Schwimmen beibringen, das hatte sie sich schon so lange gewünscht. „Oh ja, bitte!“ Platzte es aus Méileen heraus und ihre Amma lachte auf.

„Gut Méileen, aber dann musst du dich nun auch umziehen.“
Méileen blickte schockiert auf das Kleid, das ihre Amme ihr hin streckte. Es sah komisch aus und hatte Hosenbeine, anstatt einem Rock. Wenn man sie darin sehen würde, würden sie die Leute auslachen. Dennoch wollte sie nichts dagegen sagen, denn immerhin wollte sie schwimmen lernen. Also nickte sie gehorsam und ließ sich von ihrer Amme in das komische Kleid helfen. Danach rannte sie in das kühle Wasser und schrie vor Freude auf. Es war einfach wundervoll, im Wasser zu spielen und zu spritzen und sie konnte davon nie genug bekommen.

Para lief derweilen langsam in das Wasser, bis sie so weit drinnen war, wie Méileen. „Kommt Prinzessin, wir werden so weit hinein gehen, bis ihr nicht mehr stehen könnt. Habt ihr denn schon einmal einem Frosch beim schwimmen zugesehen?“

Méileen, die in ihrem Spiel innehielt nickte eifrig. Sie hatte schon oft Frösche beim schwimmen beobachtet und ihrer Amme mehr als nur einen gebracht. Ihre Amme fand das allerdings nicht so toll, sie mochte keine Frösche.

„Gut, denn so wie die Frösche ihre beine bewegen, musst du deine Arme und Beine bewegen. Und dabei immer ganz viel Luft in deinem Bauch haben, also nie ganz ausatmen.“

Para führte Méileen weiter ins Wasser hinein, bis sie kaum noch stehen konnte. Dann schubste sie sie ohne Vorwarnung und Méileen schrie vor Schreck auf. Sie hatte keinen Boden mehr unter den Füßen und sank, wie ein Stein. Wild strampelte sie mit ihren Beinen, stieß sich vom Boden ab und kam an die Wasseroberfläche zurück. Dort nahm sie einen tiefen Atemzug, bevor sie wieder unterging.

Das Ganze widerholte sich immer wieder, doch Para wollte ihr einfach nicht helfen, ganz gleich, wie laut Méileen schrie, wenn sie auftauchte. Dann begann Meileen ruhiger zu werden, ruderte mit ihren Händen und ihren Beinen und versuchte so viel Luft, wie sie nur konnte, in ihrem Bauch zu behalten. Es war nicht einfach, doch plötzlich ging sie nicht mehr unter, wie ein Stein, sondern trieb über der Wasseroberfläche. Von weitem konnte sie ihre Amme hören, wie sie ihr freudig zurief und sie erkannte, Para, die keinen Meter von ihr entfernt stand. „So ist es richtig Pinzessin. Und jetzt müsst ihr euch nur noch bewegen, wie ein Frosch.“

Méileen, die kaum noch Kraft hatte, atmete ganz flach und begann die Bewegungen eines Frosches zu imitieren. Zu ihrer Überraschung kam sie nun vorwärts und es fühlte sich langsam so an, als würde das Wasser sie tragen.

Es dauerte noch viele Stunden, bis Para zufrieden mit ihr war. Sie meinte, dass Méileen eine äußerst begabte Schwimmerin sei und dass sie bald schon alleine ins tiefe Wasser gehen könnte, ohne, dass sich ihre Amme Sorgen machen müsste. Dennoch würde sie die nächsten male dabei sein, nur für den Fall der Fälle.

Und so machten sie sich am späten Nachmittag glücklich und müde auf den Weg ins Schloss. Méileen fragte sich, ob ihr Vater sich wohl freuen würde, wenn er erfuhr, dass sie schwimmen gelernt hatte.